Wer ist Deutschland?
von Patrick Bach
Thema gelesen, Finger auf die Tastatur, Feuer frei. Aber halt, ist es so einfach? Bin ich, sind wir oder seid ihr deutsch? Was war das früher eindeutig. Biblische Völker, definiert durch ihren Stammvater. Erdrückende genetische Beweislage. Keine Fragen mehr, Herr Richter. Wer zeugt oder bezeugt nun wer wir sind? Heute sind wir Papst oder Fußballmeister. Eventuell würden unsere türkischstämmigen Mitbürger bei ersterem widersprechen. Die Abstammung erscheint weder notwendig noch hinreichend für „den Deutschen“ zu sein. Ha, das ist die Lösung. Ein multiples Gütesiegel muss her. Deutschstämmiger Staatsangehöriger ohne Migrationshintergrund. Jetzt hab ich ihn, den Deutschen. Schwups verlieren wir 19% der Bevölkerung. Ärgerlich! Wer ist denn da bitte noch Inländer? Ist der integrierte Ausländer nicht deutscher, als gewisse Menschen mit rasierten Köpfen, deren Werte unserer Verfassung widersprechen? Deutschland den Deutschen? Aber, wer soll denn hier was bekommen? Bitte um Aufklärung. Unsere Geschichte zeigt eine gewisse Varianz in der Definition. Entstanden als Schmelztiegel der Germanenstämme, ändert sich die Definitionsmenge des „Deutschen“ scheinbar willkürlich. Mathematisch fragwürdig, waren wir ja immer eher ein Land der Dichter und Denker. „Denk ich an Deutschland in der Nacht...“. Mich bringt die Sache auch am Tage in Fahrt. Das kann doch nicht so schwer sein. Ein Blick ins Grundgesetz, Basis unserer Gesellschaftsordnung, kann sicher helfen. Der Interessierte erfährt, dass Deutscher ist, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Eine Karte mit meinem Gesicht, Sicherheitszeichen, eingeschweißt in Plastik. Das definiert meine nationale Identität? Rechtlich einwandfrei, aber ich bin unbefriedigt. Andere Quellen müssen her. Wikipedia, Hort des Halb- und Ganz-Wissens, kannst du mich erleuchten? Das Rote Symbol oberhalb des Artikels ist Warnung und Forderung zugleich. „Dieser Artikel bedarf einer Überarbeitung.“. Sehe ich ähnlich. Aber auf der Diskussionsseite finde ich etwas. Ich bin entzückt. Denkende Wesen scheinen sich auch ins Internet zu verirren und Spuren zu hinterlassen. Da ist der Rebell. „Nationen und Völker gibt es nicht!“ Wow, das ist hart. Ich hab doch da mein kleines grünes Kärtchen mit Bildchen. Trotzdem beschleicht mich das ungute Gefühl von vor zwei Stunden schon wieder. Bin ich, deutscher Siegfried, nur arbiträres Konstrukt? Ist die fehlende analytische Begründbarkeit die vom Lindenblatt bedeckte Stelle? Wie geht es den anderen mit der Frage? Schaue ich doch einfach mal ab. Die Schweizer wollen eine „Willensnation“ sein. Ja wo wollen sie denn hin? Sicher nicht in die EU. Aber zurück zum Thema. Eine Willensnation als Staat im Sinne bewusst gewollter Gemeinschaft, die aus Einzelelementen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund besteht. Da ist schon wieder dieses Zwicken. Dazu gehört, wer im Stall steht oder wie? Wichtig ist doch das Gemeinschaftsgefühl. Reicht es aus, zusammen in einem Staat zu leben? Ehrlich gesagt, entdecke ich manchmal fremde Kulturen, wenn ich in Kreuzberg unterwegs bin. Die Kultur als Barriere? Ist also Deutscher, wer die deutsche Kultur liebt und lebt? Deutschland sucht den Stereotyp-Deutschen. Menschen, die sich dem Biergenuss verweigern, im Sommer keine Socken in Sandalen tragen und nicht über alles jammern, sind keine Deutschen? Es lebe die Kulturnation? Man könnte beim Schreiben auf die Idee kommen, dass Sprache ein wichtiger Bestandteil der deutschen Kultur ist. Hochdeutsch als kleinster gemeinsamer Nenner? Schön und gut, wären da nicht zum Beispiel die Schwaben, die eben nicht können. „Religionsanarchismus“, Verfall der Werte und Bruch mit Traditionen. Es fällt mir schwer harte Kriterien für die Definition zu finden. Aber brauchen wir die denn? Zählt nicht eher das „Wir-Gefühl“, der Mannschaftsgeist? Schon sind wir wieder beim Fußball. Deutschstämmige Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft und türkischstämmige Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft freuen sich zusammen mit Deutschstämmigen ohne deutsche Staatsbürgerschaft über den Sieg ihres „deutschen“ Teams. Da spielen ja auch nicht gerade Müller, Meier, Schmidt, sondern Klose, Assamoah und Schweinsteiger. Die fühlen sich auch als Einheit. Warum nicht auch wir? Sehen wir uns doch als Team mit gemeinsamen Zielen und unsere Identität als Produkt von Geschichte, Konkurrenz und Vergleich mit anderen. Warum also eine starre Definition. Seien wir doch einfach mal flexibel. Zufrieden lehne ich mich zurück, lege die Finger auf die Tasten und beginne meine Zeilen über die Deutschen.


















