Viel Lärm um nichts?

von Alexandra Duong

Im Juli 2007 hat das Bekleidungsgeschäft „Narvik“ in Magdeburgs Grüner Zitadelle eröffnet. Bürgerinitiativen und linke Gruppen kämpfen seit einem Jahr für die Schließung. Andere sind gleichgültig – eine Beschreibung.

Er fällt zuerst nicht auf, der Altkleider-Container. Wer durch Magdeburgs Mitte schlendert, an der Grünen Zitadelle vorbei, bemerkt den beigefarbenen Kasten auf dem Bürgersteig oft erst beim Vorbeigehen. „Thor Steinar-Klamotten zu Putzlappen“ ist mit roten Großbuchstaben darauf geschrieben. Gegenüber, in der Ladenzeile des „Hundertwasserhauses“, hat vor einem Jahr Narvik eröffnet.

Narvik ist eine norwegische Stadt mit über 18 000 Einwohnern nördlich des Polarkreises. Narvik ist ein wichtiger Hafen für die Verschiffung schwedischen Eisenerzes. Und Narvik war während des Zweiten Weltkrieges für die deutsche Kriegsindustrie von besonderer Bedeutung, weil eben dieses Eisenerz vom besetzten Norwegen nach Deutschland verschifft wurde. Im Magdeburger Narvik wechselt andere Ware den Besitzer: In dem Geschäft wird fast ausschließlich Kleidung der Marke Thor Steinar zum Verkauf angeboten.

Der Brandenburger Verfassungsschutz, diverse Organisationen, Antifa-Gruppen und die meisten deutschen Medien sehen in der Marke ein Erkennungsmerkmal der rechtsextremen Szene. Kein Wunder, dass vor einem Jahr bei etlichen Magdeburgern die Alarmglocken schrillten, als der Laden in das noch von Friedensreich Hundertwasser geplante Gebäude einzog. Das Bündnis gegen Rechts Magdeburg organisierte mit anderen Initiativen seitdem Mahnwachen, Demonstrationen, Kundgebungen und eine zeitweilige Ausstellung zu rechtsextremer Symbolik – in und um die Grüne Zitadelle.

Die Grüne Zitadelle verdankt ihren Namen wohl dem Grasbewuchs auf dem Dach und den jungen Bäumen, die an den Außenwänden des Gebäudes wurzeln. Die Baupläne für das rosa-rot gestreifte Haus mit den verspielten Türmen und Kuppeln stellte Hundertwasser vor seinem Tod im Jahr 2000 fertig. Der Künstler, aktiv in der Umwelt- und Friedensbewegung, habe mit seinen Architekturprojekten „individuelle Wohnräume für den Menschen in Harmonie mit der Natur“ verwirklichen wollen. So wirbt die Marketing-Website. Heute befinden sich in dem Gebäude exklusive Appartements, ein Hotel, ein Kindergarten, Arztpraxen, Büroräume, sogar ein Kabarett. Bei gutem Wetter ist das Café im Innenhof voll besetzt, Kinder spielen an den Springbrunnen, die Geschäfte machen Umsatz.

Die Ladenflächen und Wohnungen in der Grünen Zitadelle werden vom katholischen Siedlungswerk St. Gertrud vermietet.
„Das Verfahren läuft noch“, sagt der Angestellte im Vermietungsbüro. Die Wohnungsbaugesellschaft hatte den Vertrag mit dem Narvik-Inhaber zu Beginn der Laufzeit sofort gekündigt. Das Landgericht gab dem Vermieter recht: Der Mieter habe nur vom Verkauf von Freizeitkleidung gesprochen. Dass er nicht gesagt habe, dass vor allem die Marke Thor Steinar vertrieben werde, sei eine arglistige Täuschung gewesen.
Der Besitzer des Geschäftes und Gründer der Marke, Uwe Meusel, hat beim Oberlandesgericht Naumburg jedoch Berufung eingelegt. Das Urteil wird voraussichtlich im Dezember gefällt.

Narvik liegt versteckt am Ende der Ladenzeile, an einer der Hauptstraßen Magdeburgs. Ein Augenoptiker, eine Goldschmiede und andere Bekleidungsgeschäfte reihen sich daneben aneinander. Große weiße Lettern mit roter Umrandung, NARVIK, prangen über der Tür. Das Innere des Ladens ist von der Straße aus kaum zu sehen. Eine modisch gekleidete Schaufensterpuppe am Eingang begrüßt die Kauflustigen. Der Geschäftsraum ist schmal, die Kleiderstangen voll behängt, gedeckte Farben dominieren. Die Verkäuferin hinterm Ladentisch ist zierlich, hat braun gebrannte Haut, schwarz gefärbte Haare. Sie trägt ein weit ausgeschnittenes Top mit Leopardenmuster und große runde Ohrringe. „Je mehr demonstriert wird und die Presse über den Laden berichtet, desto mehr Umsatz machen wir“, sagt sie gelassen und klickert mit den künstlichen Fingernägeln. „Wir hatten RTL, Sat.1, alle Zeitungen hier“, erzählt sie. „Andere geben viel Geld dafür aus, wir kriegen die Publicity umsonst.“ Sie lächelt und das Piercing in ihrer Oberlippe glitzert. „Wenn der Umsatz steigt, ist das schließlich auch gut für mich.“ Thor Steinar-Fans aus ganz Deutschland, den USA und Russland seien schon in den Laden gekommen. Touristen hätten von dem Geschäft gehört und wollten sehen, ob das wirklich so ein „Nazi-Laden“ sei. „Dabei haben sie dann gleich was mitgenommen. Wenn die Linken schlau wären, würden sie aufhören zu protestieren.“

Was ist mit den Vorwürfen gegen den Laden? Zieht Narvik nicht vor allem rechtsextreme Kundschaft an? Der Chef, Uwe Meusel, ist schließlich gut bekannt in der Szene. Sie lehnt sich zurück und verschränkt die Arme vor der Brust. Sieht sich im Laden um. Lässt den Blick über Pullover mit fellgefütterten Kapuzen, T-Shirts mit Thor Steinar-Logo, Nordic Camp-Kappen an der Wand schweifen. „Die Leute interpretieren da zu viel rein. Manchmal kommt jemand rein und will mich über Politik und Geschichte vollquatschen. Was interessiert mich das? Ich kann denen mit den Größen helfen, denen was über die Marke erzählen.“

Thor oder Donar, der Donnerer. Gewittergott, Wettergott, Beschützer der Menschen in der germanischen Sagenwelt. Groß, muskelbepackt, lange blonde Haare, eine Axt in der erhobenen Faust, blickt er im Narvik von etlichen Plakaten auf Schaulustige, potenzielle Käufer und Journalisten gleichermaßen herab.

Auch die Magdeburger Volksstimme hat gleich von Anfang an groß über das Geschäft und die Proteste berichtet. Trotzdem sagt Günter Tyllack, stellvertretender Chefredakteur: „Mir persönlich wäre es lieber, wenn es keine Aufmerksamkeit gäbe. Magdeburg leidet sehr unter dem Image einer rechtsradikalen Stadt.“ Der hochgewachsene, schlanke Mann mit Halbglatze räuspert sich hörbar und schiebt die Brille zurecht. Der Osten werde gleich mit einer rechtsradikalen Zone gleichgesetzt, dagegen wehre er sich. Der Kampf gegen Rechtsextremismus müsse an anderen Stellen geführt werden. Tyllack überlegt. „Nazi-Läden gibt es überall. Magdeburg hat kein größeres Problem mit Rechtsextremismus als andere Städte.“

Das denkt auch Harald Kühn, Angestellter im öffentlichen Dienst. Kühn ist 52 Jahre alt und arbeitet im Rathaus der Stadt Magdeburg als Pförtner. Er ist ein bisschen übergewichtig, trägt ein türkises T-Shirt mit Palmen, eine Sonnenbrille im kurzen braunen Haar, wirkt gemütlich. „Mir ist gleichgültig, was da passiert“. Er habe erst durch die große Medienaufmerksamkeit von Narvik erfahren. „Je mehr das in den Medien breit getreten wird, desto mehr Rechtsradikale laufen dahin.“ Plötzlich seufzt Kühn und guckt betrübt. Erzählt von den Plattenbausiedlungen am Rande der Stadt. Dass viele junge Leute aus schwierigen Verhältnissen in die rechtsextreme Szene rutschen. Er sieht sich in der leeren Eingangshalle um. Es ist Freitagnachmittag, im Rathaus regt sich nichts mehr. „Aber Magdeburg ist auch sauber und grün.“ Es mache ihn traurig, dass die Stadt so oft im Zusammenhang mit Rechtsextremismus zitiert werde. „Magdeburg wird durch die Medien schlecht gemacht.“

„Wo gibt’s kein Problem mit Rechtsextremismus?“, fragt Doreen Möritz. Die 22-Jährige arbeitet bei Augenoptik Diederichs. Diederichs ist vor zweieinhalb Jahren, also kurz nach Fertigstellung des Hundertwasser-Architekturprojekts, in das Haus eingezogen. Brillenmodelle in hundertfacher Ausführung sind an den Wänden aufgereiht. Die Einrichtung ist modern, in Rot und Blau gehalten. Das Geschäft habe eher ein Problem mit linken Autonomen gehabt, die vor allem am Anfang gegen Narvik demonstriert hätten. Komplette Ausschreitungen habe es vor dem Haus gegeben, so dass sich an einigen Sonnabenden nur wenige Kunden in den Laden getraut hätten. Die Wohnungsbaugesellschaft hätte besser recherchieren müssen, dann gäbe es jetzt auch keine Probleme. „Wir haben ein gutes Verhältnis zu den Leuten von Narvik“, sagt die große schlanke Frau. Sie hat einen weizenblonden Bob. „Das sind normale Leute“. Ihr ist egal, was hinter den Klamotten steht. Klar, sie habe davon gehört, dass Thor Steinar eine Nazi-Marke sein solle. Aber:„Ich lehne mich nicht aus dem Fenster“, sagt Möritz. Und wenn der Mietvertrag von Narvik gekündigt wird? „Es wäre schade, wenn schon wieder ein Geschäft verschwindet. Hier stehen einige Ladenflächen leer.“

Die junge Verkäuferin im Narvik sieht die Zukunft positiv. Vor allem, wenn das mit der kostenlosen Publicity so weiter funktioniert. Der Altkleider-Container zum Beispiel habe schon einige auf das Thor-Steinar-Geschäft aufmerksam gemacht. „Ich hab noch nie jemanden was dort reinwerfen sehen“, erinnert sie sich. „Dazu sind die Klamotten zu teuer.“
 

 

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