Die Seedrachen und der Kanzler von Deutschland
von Annika Pellmann
Ein Rocksong zur Bundestagswahl
Das Wahljahr 2009 – Ob im kommenden September Angela Merkel oder Frank-Walter Steinmeier die Gunst der Wähler für sich gewinnen kann, steht noch in den Sternen. Doch die Brüder Jonas und Leonard Ottolien sind sich ganz sicher: „Werd ich Kanzler von Deutschland/ werd ich keine Kanzlerin/ werd ich Kanzler von Deutschland/ wohn ich aufm Land - nicht in Berlin/ Trage Jeans und kein Kostüm/ lass Millionen Blumen blühn/ Vieles bleibt auch wie es ist/ denn es ist nicht alles Mist“.
Phyllopteryx (der lateinische Fachbegriff für den Seedrachen, eine Seepferdchenart) - so nennen sich die Jungs aus Schieder-Schwalenberg, Nordrhein-Westfalen, sobald sie sich ihre Gitarren umschnallen. Beim Singen dreschen sie die Vocals laut heraus - ganz wie ihr Vorbild Campino von den Toten Hosen. Die Finger flitzen über die Seiten, die Brüder suchen beim Spielen oft Augenkontakt, blinzeln sich zu. Sie strahlen eine Professionalität aus, als würden sie regelmäßig Konzerte in ausverkauften Hallen geben. Die Jungs haben einen eigenen Bandkeller, die Wände sind mit Fanlogos bepinselt und von Postern übersät – er erscheint wie ein typischer, mit viel Herzblut eingerichteter Proberaum einer Schülerband, wo sich 16-, vielleicht 17-jährige Jugendliche treffen könnten, um Bier zu trinken und die Songs ihrer Lieblingsbands nachzuspielen.
Doch sobald sie die Instrumente aus der Hand legen, werden aus den Seedrachen wieder ganz normale – Kinder. Denn Leonard ist 12-, Jonas sogar erst 10 Jahre alt. Schüchtern lächelnd erzählt Leon - lange Wuschelhaare, auf dem schwarzen T-Shirt prangt ein Totenkopf – wie er bereits so früh seine Schwäche für Rockmusik entdeckt hat: „Als ich drei Jahre alt war, habe ich im Kika mal einen Film gesehen, wo ein Junge E-Gitarre spielt. Das wollte ich dann auch“.
Auch Jonas zeigte sich in Sachen Rockmusik äußerst frühreif: „Ich habe schon, wenn ich mit Mama mit zum Einkaufen im Supermarkt war, im Kinderwagen vor der Fleischtheke ganz laut Lieder von den Toten Hosen gesungen. Die Leute haben ganz schön komisch geguckt“. Er hat noch kurze Haare, sieht mit seinen Chucks und dem verschmitzten Grinsen aber schon wie ein kleiner Rockstar aus.
Mutter Dorit Sigges erkannte schnell das Talent ihrer musikverrückten Söhne: „Ich habe einen jungen Studenten kontaktiert, der für Kinder Musikunterricht anbietet. Er hat Leonard und Jonas das Gitarrespielen beigebracht“. Allerdings nicht mit Hilfe von Kinderliedern, sondern mit „Polly“ und anderen Songs von Nirvana, auch von The Offspring oder Metallica. „Seitdem sind die Jungs komplett der Rockmusik verfallen. Mit Rolf Zuckowski brauche ich denen nicht mehr kommen“, lacht Sigges. „Es ist schon erstaunlich, was die Kinder für ein Talent in sich haben obwohl der Rest der Familie doch eher zu den Unter-der-Dusche-Sängern gehört“.
Für ihr komplett selbst geschriebenes Lied „Kanzler von Deutschland“ haben die Brüder in der Musikszene bereits einige Anerkennung erhalten. Ende November durfte Phyllopterix ihr Lied beim „Treffen Junge Musik-Szene 2008“ der Berliner Festspiele zum Besten geben. „Es war total aufregend vor so vielen Leuten zu spielen“, schildert Leonard mit leuchtenden Augen.
Was sie unter einem gerechten Regierungschef verstehen, durften sie in Berlin einem großen Publikum mitteilen: „Wer was hat, der kann was geben/ Wer was nimmt, der soll was tun“. Leonard erklärt: „Dieses ganze Gerede und die Besserwisserei in der Politik sind doch blöd, das bringt doch nichts. Deshalb haben wir diesen Song geschrieben. Es ist wichtig, dass der Bundeskanzler oder die Kanzlerin was tut und nicht nur redet“. Ob sich daran mit der Bundestagswahl 2009 etwas ändert? Jonas zuckt mit den Schultern: „Ich glaube eher nicht. Da müsste ja so einiges anders werden“.
Für Phyllopteryx stehen im nächsten Jahr verschiedene Musikveranstaltungen auf dem Programm: „Meistens treten wir bei Familienfesten, Schulveranstaltungen oder Bekannten auf“, erzählt Jonas. „Aber manchmal nimmt uns unser Gitarrenlehrer auch zum Old Friends Meeting mit. Das ist eine Jam-Session mit ganz vielen Musikern aus der Gegend, voll cool!“. Schon werden wieder die Gitarren geschnappt und es wird „Oh Me“ von Nirvana angestimmt. Mit seinen blonden Haaren erscheint Leonard tatsächlich ein wenig wie eine Miniatur-Ausgabe von Sänger Curt Cobain. Plötzlich stoppt Jonas sein Spiel: „Oh Mann Leo, du hast schon wieder den Einsatz verpennt!“. „Was? Stimmt doch gar nicht! Du bist doch die ganze Zeit viel zu schnell“, kontert Leonard. Doch dann lachen beide und spielen den Refrain noch einmal – Geschwister eben. Jetzt haben sie genug, legen die Gitarren beiseite, dameln herum. Jonas gibt der „Rock’n‘Roll-Ernie“-Plüschfigur, die auf dem Regal steht, einen Stups. Sie fängt sofort an zu wackeln und zu singen: „Plitsch-platsch! Heute nehm ich ein Bad…“.
Als nach einigen Ermahnungen seitens Mutter Dorit Sigges langsam wieder Ruhe im Proberaum einkehrt, beschreiben die beiden Gymnasiasten ihre Zukunftspläne. „Ich weiß nicht, Musiker zu werden wär schon toll, aber wenn nichts daraus wird, ist es auch nicht schlimm“, meint Jonas. Auch Leonard kann sich andere Karrierezweige vorstellen: „Wenn das mit der Musik nicht klappt, werde ich eben Comedian“. Doch plötzlich wird sein Blick ernst. „Ich glaube, berühmt zu sein kann manchmal auch echt anstrengend werden. Dann rennen immer so viele Leute um einen herum und man hat gar keine Zeit mehr für sich. Das wäre nichts für mich“. Und auch von Groupies halten die beiden nicht viel: „Mädchen sind doch total doof“, empört sich Jonas. „Abwarten“, lächelt seine Mutter.
Ein drittes Mal greifen die Jungmusiker zu den Gitarren: „Was mich eigentlich interessiert/ ist, dass es im Winter richtig friert/ und dann führe ich noch ein/ dass im Sommer die Sonne auch wirklich scheint!/ Werd ich Kanzler von Deutschland…“.


















