Denn die Deutschen essen Wurst

von Hannes Köpke

Mitten auf dem Kröpcke, dem zentralen Platz in Hannovers Fußgängerzone, ragt aus der vorweihnachtlichen Menschenmenge ein riesiger, bunter Regenschirm. Geh ich ein paar Schritte auf ihn zu, steigt mir Bratwurstgeruch in die Nase. Noch ein paar Schritte näher sehe ich Marc. Um den Bauch hängt ihm ein 40 Kilo schwerer Bauchladen, von dem Rauch aufsteigt. In der rechten Hand hält Marc eine Zange, damit wendet er die Würste auf seinem Bauchladengrill. Zu Marcs Glück ist es Winter, im Sommer ist es eine Qual in der Affenhitze einen so schweren, heißen Grill um den Bauch zu tragen. Doch das Geschäft lohnt sich. Immer stehen Kunden Schlange, nie bleibt eine Wurst so lang auf dem Grill, dass sie verbrennen könnte. Denn die Deutschen essen Wurst.
Nichts ist typischer für Deutschland als die Wurst. Zumindest kein Essen. Egal ob Weißwurst aus Bayern, Bregenwurst aus Niedersachsen, Mettwurst aus Thüringen, „Presskopp“ und Frankfurter aus Hessen, Schinkenwurst aus dem Rheinland oder Currywurst aus Berlin. Schon an der Anzahl der Namen erkennt man, wie wichtig die Wurst ist. In England gibt es nur einen Begriff für alle Würste: sausage. Mehr ist nicht nötig.
Am Kröpcke führt eine Treppe runter in die Passarelle, Hannovers tiefgelegter Fußgängerzone. Hier verkauft CurryPaul. Ein völlig anderer, etwas pikanter Geruch weht hier über den Tresen. Dort liegt die kleingeschnittene Wurst in acht verschiedenen Metallschalen, als Currywurst, Currywurst extrascharf, Zigeunercurrywurst oder auch Chiliwurst. Um meine Currywurst zu bestellen muss ich etwas warten, der Verkäufer scheint gerade im Lager zu sein. Hinter mir stellt sich ein älterer Mann an. Er müsste ungefähr 60 Jahre alt sein. Jetzt kommt jemand auf die Verkaufsfläche. Zu meinem Erstaunen ist CurryPaul kein dicker deutscher Mann, sondern eine kleine asiatische Frau. Ich bestelle meine Chili-Currywurst und frage nach, welche Wurst für sie typisch deutsch sei. „Cullywulst“, lautet ihre Antwort, „Cullywulst aus Bellin“. Nach einigem Überlegen reicht sie mir mein Schälchen mit Wurst und fügt hinzu: „Und Weißwulst aus Bayeln. Ist auch deutsch“. „Nein!“, kommt die empörte Antwort des Mannes hinter mir. Die Frau und ich schauen ihn erstaunt an. Der Mann schaut ernst zurück und schimpft: „Bayern gehört nicht zu Deutschland!“
Die Currywurst ist lebende Legende. Grönemeyer schrieb ihr einen Song, Uwe Timm eine Novelle. Die Currywurst war Jahrzehnte lang Deutschlands Fastfood Nummer Eins. Bis der Döner sie eines Tages überholte. Erfunden wurde sie 1949 in Berlin. Nicht in Hamburg, wie Uwe Timm in „Die Erfindung der Currywurst“ schreibt. Eine Frau Namens Hertha – der Name gehört fast genauso zu Berlin wie die Currywurst - erfand sie an ihrer Wurstbude in der Kantstraße. Heute rühmt eine Gedenktafel sie dort.
Die Passarelle hab ich durchquert, nun komme ich zur Fußgängerzone im benachbarten Stadtteil List. Weihnachtsmarkt auf der Lister Meile. Am ersten Wurststand sind alle Stehtische belegt, vier Grillmeister mit Kappe und T-Shirt mit der Aufschrift „Best Bratwurst in town“ kommen aus dem Würstchen wenden nicht mehr raus. Und genauso läuft es auch bei den anderen sechs Bratwurstbuden. Aber ganz anders sieht das beim Dönerstand aus. Deutschlands angeblicher Fastfood Nummer Eins dreht sich gelangweilt an seinem Spieß und wird nicht dünner. Und der Dönerstand ist auch nur einmal vertreten.
Nicht nur als Snack essen die Deutschen gerne Wurst. Sie ist im Hot-Dog auf Kindergeburtstagen, auf dem Vollkornbrot beim alltäglichen Abendessen und neben dem Gänsebraten ist Wienerwurst mit Kartoffelsalat das deutsche Weihnachtsessen schlechthin. Wurst gehört zum Alltag und ist Grundnahrungsmittel für die Deutschen. Immerhin isst im Schnitt jeder Deutsche pro Jahr fast 60 Kilo Wurst.
Am Ende des Weihnachtsmarkts angekommen, gehe ich noch mal in die Metzgerei. Mit der Metzgerin zu sprechen ist unmöglich, denn eine
meterlange Schlange geht bis vor den Laden. Und fast alle hier kaufen Wurst. Und überall liegt oder hängt Wurst. Es müssen mindestens 50 verschiedene Sorten sein. Ich verlasse die Metzgerei wieder, grüße den Polizisten der am Bratwurststand gegenüber gerade mit einem Schinkengriller Mittagspause macht, und gehe nach Hause.
Mittlerweile kann ich Wurst nicht mehr sehn – geschweige denn riechen. Ich hau mich aufs Sofa und mach den Fernseher an. Werbung. Ein Junge mit einer Papiermütze und ein älterer Herr, der fast so aussieht wie der, den ich vorhin bei CurryPaul getroffen habe unterhalten sich. Der Junge fragt: „Meister, warum heißen die Deutschländer eigentlich Deutschländer?“ Der Meister nimmt das Würstchenglas, das auf dem Tisch steht und hält es so, dass das Etikett mit der Aufschrift Deutschländer mir ins Auge springt und antwortet mit einer großväterlichen Stimme: „Weil sie so zart sind wie Bockwürste und so knackig wie Wiener.....“. „Und darum heißen die Deutschländer Deutschländer?“ Als ich die Werbung gesehen habe, wusste ich noch nicht, das Wiener nur eine andere Bezeichnung für Frankfurter ist und war zufrieden am Ende meiner Reportage noch sagen zu können, dass nicht nur wir die Wurst geradezu vergöttern. Hätte ich mich nur nicht besser informiert.


 

 

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