Generation ohne Geschichte
von Kristin Ofer
Deutschlandjahr 2009. Vor 60 Jahren wurde das Grundgesetz feierlich in einer Sondersitzung des parlamentarischen Rates verkündet. Das war die Geburtsstunde des Deutschlands, wie wir es heute kennen. Zumindest fast, denn die 146 Artikel, die 1949 verabschiedet wurden bezogen sich zunächst auf die BRD, die Bundesrepublik Deutschland. Heißt das heute nicht immer noch so? Jein, der Name ist zwar immer noch derselbe, aber seine Bedeutung ist seit 20 Jahren eine andere. Der Name BRD signalisierte 40 Jahre lang auch die Abgrenzung zum „anderen Deutschland“, der DDR. Seit dem Mauerfall 1989 gibt es nur noch ein Deutschland mit ein und demselben Grundgesetz für alle seine 16 Bundesländer.
2009 feiert Deutschland also gleich einen doppelten Geburtstag.
Gleichzeitig steht eine Generation junger Menschen in den Startlöchern, die all diese Ereignisse nur noch aus dem Geschichtsunterricht kennt. Die 15 bis 25-Jährigen, die im „Deutschlandjahr“ Hörsaal- und Schulbänke drücken gestalten Deutschlands Zukunft. Keine Überraschung, ist ja schließlich überall auf der Welt so, oder? Aber nicht überall auf der Welt gibt es ein so bewegtes, noch so junges, historisches Erbe wie auf den ca. 357 105 km2 Deutschland im Herzen Europas.
Jedes Land wird entscheidend durch seine Geschichte geprägt, aber gerade die Verkündung des Grundgesetzes als demokratischer Neuanfang nach der verheerenden NS-Diktatur und die Wiedervereinigung mit der ein endgültiger Schlussstrich unter die Nachkriegszeit gezogen wurde, erinnern an die Zerbrechlichkeit und den Wert einer modernen Demokratie.
Aber werden sich die zukünftigen Entscheider und Machthaber mit dem gleichen Elan für Menschenrechte, Freiheit und Gleichheit einsetzen? Schließlich ist all das für die aufstrebende Generation schon immer da gewesen. Im dritten Reich waren oft noch nicht mal ihre Eltern Planung. Die Nachkriegszeit und das geteilte Deutschland haben sie ebenso wenig miterlebt. Beim Mauerfall sind die ersten immerhin im Strampelanzug durch die Wohnung gerobbt. Dennoch waren Mauern für die meisten damals aus Legosteinen und konnten einfach durch einen kleinen Schubs zu Fall gebracht werden.
Welche Bedeutung haben die Errungenschaften der Eltern, Ur- und Großeltern für junge Menschen heute? Sind sie überhaupt in der Lage das politische Erbe würdig anzutreten? Dass Brennnesseln tatsächlich wehtun glaubt man auch erst nachdem man selbst hingelangt hat. Unter Psychologen ist die Erkenntnis, dass der Mensch viel weniger aus seinen Fehlern lernt, als er selbst glaubt schon lange verbreitet. Ein totalitäres System als Fehler zu erkennen ist für jemanden, der in seinem Leben bisher nur Demokratie erlebt hat gar nicht mehr so selbstverständlich. Täglich liest, hört und sieht die junge Generation in den Medien die Nachteile und Probleme einer demokratischen Ordnung: Politiker, deren Hauptbeschäftigung Wahlkampf und nicht Politik ist, zermürbende Bürokratie, zäh-langsame Entscheidungsprozesse, einzelne Querköpfe, die den Handlungsfluss politischer Kanäle manchmal scheinbar beliebig verstopfen können…Schon der Nobelpreisträger und ehemalige britische Premierminister Winston Churchill wusste: „Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen aller anderen.“ Besagte andere Staatsformen kennt die Generation des neuen Jahrtausends allerdings nur aus der Zuschauerperspektive.
Der Nachwuchs steht heute ganz anderen Problemen gegenüber als die Autoren des Grundgesetzes oder die Verantwortlichen der Deutschen Einheit vor 60 und 20 Jahren: Statt zwei strikt getrennter, verfeindeter Blöcke ist heute die ganze Welt miteinander vernetzt. Durch die Globalisierung ist der berühmte umgefallene Sack Reis in China plötzlich nicht mehr egal.
Während im Deutschlandjahr 2009 –völlig verdient- an die Menschen und Ereignisse erinnert wird, die Deutschland zu dem gemacht haben, was es heute ist: Eine demokratischer Rechtsstaat, in dem seine Bewohner in Frieden und Freiheit leben können.
Damit das auch so bleibt muss die Erinnerung an die nicht immer rühmliche Geschichte der Deutschen auch im Gedächtnis junger Menschen einen festen Platz haben.
Also liebe Zeitzeugen, erzählt, schreibt auf, verfilmt, malt, vertont aufs Eindringlichste was ihr erlebt habt, um es der Nachwelt so plastisch wie möglich in Erinnerung halten zu können.
Die wichtigste Aufgabe der in die Demokratie Hineingeborenen ist jedoch nicht das bloße Erinnern, sondern das Gestalten das Schreiben einer eigenen Geschichte. Die jungen Deutschen müssen über die Landesgrenzen hinausschauen. In Freiheit und Frieden leben kann man in Deutschland dank den Verdiensten der Vergangenheit ziemlich gut. In einer globalisierten Welt reicht das aber nicht als Happy End. Unterdrückung und Leben in Angst sind nicht nur Teile deutscher Vergangenheit, sondern bis heute an vielen Orten traurige Realität.
Das heißt nicht, dass jeder aufstrebende Jungpolitiker vor dem ersten Amtsantritt eine Woche „Bildungsurlaub“ in einem totalitären Staat machen sollte, aber zu wissen, dass Frieden und Freiheit auch heute alles andere als selbstverständlich sind und es sich lohnt dafür zu kämpfen. Heute wie vor 60 oder 20 Jahren.


















