Auch Deutsche können Helden sein
von Maria-Xenia Hardt
Die Geschichte meines Großvaters
Als meine Großeltern uns an Weihnachten besucht haben, sah ich zum ersten Mal meinen Opa einen Knopf annähen.
Mein Opa… mein Opa ist ein großes Stück deutscher Geschichte. Als er 1927 geboren wurde, hatte die Weimarer Republik, unsere erste Demokratie noch Bestand. Er erlebte – sofern man bei einem Kleinkind von erleben sprechen kann – die große Wirtschaftskrise der 30er Jahre, die Machtergreifung Hitlers und alle ihre Folgen.
Diese dunkle Episode in der Geschichte unseres Landes, dieser große, schwarze Fleck, ist das, was es uns heute so schwer macht, stolz auf unsere Nationalität zu sein und noch viel schwerer, Deutscher und ein Held zu sein. Das NS-Regime hat unser Land für immer verändert. Und es hat das Leben meines Großvaters verändert.
Als der Krieg schon verloren war, wurde er, Karl-Heinz Hardt, gerade 18 Jahre alt geworden, an die Front geschickt, zusammen mit den anderen Jugendlichen und Greisen, dem letzte Aufgebot. Er hat gesehen, wie Mainz brannte, die Stadt, in der ich heute lebe. Nur ein paar Tage hat sein Kriegseinsatz gedauert. Bezahlt hat er ihn mit Jahren der Gefangenschaft.
Er hat oft von den Jahren in Frankreich erzählt und lange habe ich es nicht verstanden, was das war, dieses seltsame Lager, welche Rollen Franzosen, Amerikaner und Deutsche hatten. Wenn Opa von der Gefangenschaft erzählt, sind es meistbittere Geschichten, manchmal mit einem traurigen, selten sogar mit einem lustigen Beigeschmack. Als Deutschem begegnete man ihm natürlich mit Vorbehalten, mit Spott und oft auch mit Hass. Aber das ist nicht das Schlimmste, was ihm diese Jahre zugefügt haben. Das Schlimmste ist das ständige Zusammengepfercht sein. Immer in der Gruppe. Nie allein.
Als für meinen Großvater das „normale“ Leben langsam wieder begann, als er meine Großmutter geheiratet und in den Alltag zurückgekehrt war, hatte er, ein von Grund auf kommunikativer, aufgeschlossener und fröhlicher Mann, eine große Scheu vor Menschenaufläufen, ein voller Bahnsteig hat ihm unglaubliches Unbehagen bereitet.
Schon bei einer mittelgroßen Gruppe war ihm unwohl, etwa, wenn er die Molkereiware ausgeliefert hat.
Eigentlich hatte er Lehrer werden wollen. Der Krieg hat es verhindert. Er hat Schreiner gelernt. Und dann musste er LKW fahren. Er hat sich darüber nie beschwert. Überhaupt hat er das nie getan, sich beschweren oder gar jammern.
Im Gegenteil, er hat dem Leben immer wieder neue Chancen gegeben. Als Wenings, wo er bis heute wohnt, in den 60er Jahren eine Partnerschaft zu einem französischen Dorf aufbaute, war er einer der ersten, der seine Türen öffnete für die Gäste aus dem Nachbarland, in dem er die schlimmsten Jahre seines Lebens verbrachte. Er konnte wenig Französisch, aber irgendwie muss es funktioniert haben. André und Karl-Heinz sind bis heute gute Freunde, so wie Roland und Francoise, ihre Kinder und Maria-Xenia und Marie, ihre Enkel.
Diese Offenheit und Toleranz ist ein Charakterzug, den ich sehr an meinem Großvater schätze. Auch wenn wir mitunter verschiedener Ansicht sind, vor allem, was ausländische Mitbürger betrifft, gibt es immer wieder Momente, in denen er mich überrascht mit seiner Unvoreingenommenheit. Neulich sprachen wir über die sinkenden Geburtenraten und den demographischen Wandel in Deutschland.
Und da sagte er, ganz trocken, wie es so seine Art ist: „Ach, mit den Türken schaffen wir das.“ Er sagte das überhaupt nicht verachtend oder in irgendeiner Weise negativ, sondern vielmehr humorvoll und irgendwie liebenswürdig.
Liebenswürdig, vielleicht ist es das, was ihn so sehr ausmacht. Im Umgang mit allen. Mit uns. Mit Oma. Meine Oma ist dement. Manchmal fragt sie in dem Haus, in dem sie seit über 50 Jahren lebt, wann sie denn nach Hause führen. Früher hat sie den Haushalt geschmissen. Heute macht es mein Opa.
Er kocht, er bügelt, er putzt. Männer in meinem Alter sollten sich eine Scheibe bei ihm abschneiden. Sich weniger beschweren, mehr machen, dem Leben mehr Chancen geben und mehr werden wie mein Großvater.
Mein Großvater, der im Krieg war und in Gefangenschaft, mein Großavter, der Lehrer werden wollte, Schreiner lernte und LKW fuhr. Mein Großvater, der Frieden geschlossen und Verbrüderung betrieben hat. Mein Großvater, der Knöpfe annähen kann. Und der ganz nebenbei auch noch der beste Opa der Welt ist.
Auch Deutsche können Helden sein.


















