Deutschland - geliebtes Vaterland?

von Malene Gürgen

Auf der Suche nach dem Heimatgefühl junger Deutscher

2009 - das Jahr der Herausforderungen. So tönt es seit einigen Wochen aus Politik und Medien, die gewaltige Aufgabe, vor welcher die Menschheit momentan stehe, wird täglich größer, schwieriger, globaler. Man schaut hierzulande lustvoll-skeptisch nach vorn, jeder selbst ernannte Prophet will den andern übertreffen. Doch in den kommenden zwölf Monaten wird der Blick der Deutschen nicht nur in die Zukunft gehen, schließlich ist 2009 auch das Jahr deutschen Gedenkens - an die Gründung der Bundesrepublik vor 60 und den Fall der Mauer vor 20 Jahren. Noch eine Herausforderung also, weniger global als speziell deutsch, aber deshalb nicht minder wichtig: Welche Rolle spielt Patriotismus in Deutschland auch abseits der Fußball-WM, und wie deutsch fühlt sich besonders die junge Generation, die jene denkwürdigen Ereignisse doch nur aus Erzählungen kennt?

Die Suche nach Antworten beginnt in Berlin. Paula, Lara und Sebastian sind alle in den Wendemonaten geboren und machen zur Zeit ihr Abitur. Sie reden gern über die Zeit, die danach kommen wird, von Zukunftsangst und der herbstlich-trüben Stimmung draußen ist hier im Café keine Spur: Lara und Paula, lebhaft und selbstbewusst auftretend, möchten mit Freiwilligendiensten ins Ausland gehen, „so weit weg wie möglich“, nach Peru am liebsten. Auch Sebastian würde seinen Zivildienst gern im Ausland absolvieren, die Plätze sind allerdings rar. Sie erzählen, dass viele ihrer Mitschüler nach dem Abi erstmal raus aus Deutschland wollen. „Man will halt einfach mal ausbrechen, andere Menschen kennen lernen und die Zeit zum Reisen nutzen, bevor dann der ganze Stress mit dem Studium losgeht“ erzählt Lara und gestikuliert dabei so leidenschaftlich, dass sie fast die Kaffeetasse vom Tisch wirft. Natürlich werde sie Heimweh nach ihrer Familie und den Freunden hier haben, aber ganz bestimmt werde sie nicht das vermissen, was für sie typisch deutsch ist: „Dieses ewige Gemeckere, immer ist alles schlecht. Schon was sie einem in der Schule erzählen kann einem echt die Laune verderben, so pessimistisch reden die“ Doch offensichtlich lassen sich die drei davon nicht beirren. Als besonders deutsch fühle sie sich nicht, sagt Paula, eher schon europäisch, mit einer Abiturientin aus Paris habe sie schließlich mehr gemeinsam als mit einem Lehrling aus Bayern, und bestimmte ihrer Charakterzüge als „deutsch“ zu etikettieren käme ihr auch komisch vor, schließlich sei doch jeder ein individueller Mensch. Vielleicht, meint Sebastian zum Schluss nachdenklich, vielleicht könne man das ja auch erst bemerken, wenn man selbst ganz weit weg ist, dieses typisch Deutsche am eigenen Verhalten.

Ein anderes Bild bietet sich eine Regionalbahnstunde entfernt in der brandenburgischen Provinz. Hier ist der Alltag noch weit weniger globalisiert und - so zumindest das Klischee - die Bindung an Familie und Heimat stärker. Die Realität sieht aber doch anders aus, wie im Gespräch mit dem 20-jährigen Dennis schnell deutlich wird. Er ist gerade nur zu Besuch hier, eigentlich studiert er seit diesem Jahr in Mannheim. Fast alle seine Freunde seien nach der Schule weggezogen, nur die mit schlechtem Abschluss „bleiben dann halt hier und saufen an der Bushaltestelle“. Sein Freund Michael meint, das sei schon etwas übertrieben, aber es sei tatsächlich so, dass einem oft gar keine andere Chance bliebe als wegzugehen, hier gebe es schließlich kaum Perspektiven. Er selbst will versuchen hier zu bleiben, weil er seine Heimat liebe, und gerade deshalb will er sie verändern: „Es geht doch nicht, dass die ganzen Leute mit Ideen weggehen und hier einfach den Nazis und so das Feld überlassen wird.“ Ein positiver Patriotismus ist es, der hier zu spüren ist - ganz anders als Medienberichte über abgestumpfte ostdeutsche Jugendliche es suggerieren und die unübersehbare Tristesse der Gegend es vermuten ließe, in der Gaststätten heimatbewusst den Ortsnamen tragen, geschrieben in altdeutschen Lettern.
Auf der anderen Seite gibt es sie hier tatsächlich, die Jugendlichen für die offensichtlich die Bushaltestelle eher Heimat ist als das familiäre Wohnzimmer. Die vier Jungen und zwei Mädchen, die den wenigen Passanten lautstark nachpöbeln, aber auf die Frage nach der Bedeutung des 9. Novembers nur ein unverhohlen verlegenes Grinsen erwidern können, irgendwas mit Deutschland vielleicht? Auf jeden Fall war alle besser, als die Mauer noch stand, erklärt eins der Mädchen „da hatten wenigstens alle Arbeit“. Während sie redet, werden die anderen unruhig, die Situation scheint sie zu überfordern, sie drehen den Rap lauter, der blechern aus den Handys kommt, und antworten zunächst beharrlich mit einem grinsenden „weeß ick nich“, was sie auch gefragt werden. Ob sie stolz auf Deutschland seien? „Klar!“, meint einer sofort, wird von seinem Freund aber in die Seite geboxt, „ey geht’s noch, biste n Nazi oder wat, sowat kannste doch der da nich erzählen!“ Er erklärt: „Jetze so direkt stolz sind wa nich, aber is schon gut als Deutscher, haste halt mehr Chancen im Leben.“ Fast grotesk wirkt das angesichts der Bushaltestelle mit den herausgeschlagenen Scheiben, meilenweit von der Realität entfernt.
Völlig unterschiedlich ist es also, das Verhältnis zur eigenen Identität als Deutsche bei diesen Jugendlichen, so unterschiedlich wie sie selbst und das soziale Umfeld, aus dem sie kommen. Eines aber ist klar geworden: Unwichtig ist ihnen dieses Thema nicht, noch nicht einmal denen, die weit weg wollen. Alle diese jungen Menschen setzen sich mit Begriffen wie Heimat und Nationalbewusstsein auseinander - bewusst oder unbewusst. Ein Gedenken, das eben nicht nur im Erinnern verhaftet bleibt, sondern genau diese Fragen nach dem Heimatgefühl der Deutschen aufgreift, ein Gedenken, das nicht zu blinder Rührseligkeit, sondern zu einer breiten Debatten auch außerhalb der Feuilletons anregt - das ist also die wirklich große Herausforderung im Deutschlandjahr 2009.

 

 

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