Heimat

von Isabella Manych

Der Mauerfall am 9.11.1989 und die Wiedervereinigung Ost- und Westdeutschlands ein Jahr später stellen einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte Deutschlands dar. Die Bürger Ostdeutschlands erhielten nicht nur viele Rechte wieder, die ihnen in der DDR genommen worden waren, sie bekamen auch etwas anderes Wichtiges zurück: ihre Heimat.

Das Wort Heimat ist ein besonderes Wort. Nicht nur, dass es in kaum einer anderen Sprache existiert, es hat auch eine ganz besondere Bedeutung. Übersetzt wird das Wort Heimat oft mit Hilfswörtern, wie dem englischen „Homeland“ oder dem spanischen „Patria“. Keines dieser Wörter spiegelt jedoch die Verwurzelung, Zugehörigkeit und Geborgenheit wieder, die das Wort Heimat ausdrückt. Die ausschließlich positive Bedeutung des Wortes zeigt, dass eine Heimat, in der man sich nicht wohlfühlt, keine Heimat ist.
Das spürten viele der 17 Millionen DDR-Bürger nach dem Mauerbau. Ihre Freiheit wurde in vielen Bereichen stark eingeschränkt. Sie durften weder reisen, wohin sie wollten, noch ihre Meinung frei äußern und schon gar nicht Kritik am herrschenden System üben. Güter wie Waschmaschinen, Badewannen und Autos konnten sie sich nicht einfach kaufen sondern mussten oft jahrelang darauf warten. Viele konnten in ihrer Heimat nicht so leben wie sie wollten, was unweigerlich dazu führte, dass sie sich dort nicht mehr wohl fühlten. Aber ihr Land verlassen durften sie auch nicht. Ihre ursprüngliche Heimat wurde zu einem Gefängnis. Einige von ihnen wollten die DDR verlassen und sich eine neue Heimat suchen. Dazu gehört viel. Auch wenn die Menschen, die von Ost- nach Westdeutschland kamen, bereits mit der Sprache und der Kultur vertraut waren, bedeutete es für sie doch, ihre Wurzeln zu lösen, sich aus der Geborgenheit der Freunde und der Familie hinauszubegeben in eine Ungewissheit, in der sie sich ein neues Leben aufbauen mussten. Doch dass von den 17 Millionen Einwohnern der DDR 3 Millionen Menschen diese Ungewissheit und die Gefahren der Flucht auf sich nahmen, zeigt, wie stark der Wunsch nach einer neuen Heimat war. Einer Heimat, in der man sich wohlfühlen kann. Über 900 Menschen starben bei diesem Versuch.
Heute, fast 20 Jahre nach dem Mauerfall, ist Gesamtdeutschland Heimat für 82 Millionen Bürger. Mit dem Fall der Mauer ging eine Annäherung einher. Der Großteil der Menschen empfand mit der Veränderung das Land wieder heimisch. Die Bevölkerung der ehemaligen DDR erhielt ihre Rechte wieder zurück. Es gab keinen Grund mehr auszuwandern. Allerdings gibt es heute immer mehr Menschen, die Gesamtdeutschland den Rücken kehren und sich eine neue Heimat im Ausland suchen. Die Gründe, die diese Menschen antreiben, sind vielfältig. Es ist nicht mehr die mangelnde Demokratie sondern die deutsche Bürokratie und Steifheit, das ungemütliche Klima, die Hoffnung auf einen Arbeitsplatz oder einfach das Fernweh, das die Zahl der Deutschen Auswanderer steigen lässt. Nachdem im Jahr 1991 noch 100.000 Menschen Deutschland verließen, waren es 2007 schon über 160.000 Auswanderer.
Im Gegenzug nimmt die Zahl der Einwanderungen nach Deutschland immer weiter ab. Zwar gab es im letzten Jahr immer noch 216 000 Zuwanderer, die sich in Deutschland niederließen, der Trend Deutschlands, von einem Einwanderungsland zu einem Auswanderungsland zu werden ist aber wohl unaufhaltsam.
Viele der Auswanderer sehen Deutschland als kühles Land mit sehr vielen Regeln. Sie suchen ihr Glück in Ländern die offener und lockerer sind, was sehr gut nachvollziehbar ist, wenn man wieder einmal in einer grauen Deutschen S-Bahn sitzt, in der die Menschen nicht miteinander reden oder tagelang über einer Steuererklärung brüten.
Doch meiner Meinung nach überwiegen die positiven Aspekte des Lebens ins Deutschland eindeutig. Wir leben in einem verhältnismäßig fortschrittlichen Land, das demokratisch regiert wird. Wir dürfen unsere Meinung frei äußern und müssen nicht jahrelang auf neue Badewannen warten. Es gibt zwar soziale Ungerechtigkeiten aber auch viele Bemühungen diese mindestens abzuschwächen. Und somit ist das wiedervereinte Deutschland für viele der 82 Millionen Einwohner ein Land, in dem man sich wohlfühlen kann und das man durchaus gerne mit dem schönen Wort Heimat bezeichnet.

 

 

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